Wien: Tier-Senioren (Teil I)

Posted by Jola
Herr und Frau Hornrabe, 11. Februar 2011

Herr und Frau Hornrabe (er links, sie rechts) - ein altes Ehepaar, seit 32 Jahren vereint! 11. Februar 2011

Die Tierbabys Fu Hu, Tuluba, Arusha & Co. sind entzückend, keine Frage, es leben im Tiergarten aber auch zahlreiche Tiere, deren Kindheit bzw. Jugendzeit schon etliche Jahrzehnte zurück liegt. Sie leiden zwar an den üblichen Alterswehwehchen, ansonsten geht es ihnen gut. Etlichen von ihnen sieht man ihr hohes Alter auch gar nicht an. In einem mehrteiligen Artikel werden nun einige Zoobewohner im geriatrischen Alter, darunter auch weniger „prominente“ Tiere, die man nicht dauernd in den Medien findet, vorgestellt. In Teil I sind es die Hornraben, die Japanischen Seraus und Orang-Utan Dame Mota

Nördliche Hornraben

Das Hornraben-Pärchen (Bucorvus abyssinicus) ist im wahrsten Sinne des Wortes ein uraltes Ehepaar. Sie wohnen im Eingangsbereich des Giraffenhauses auf der linken Seite. Das Weibchen ist schwarz, das Männchen hat einen roten Kehlsack. Beide kamen im Jahr 1980 als erwachsene Tiere nach Wien, sie sind schon mehr als 32 Jahre alt. Allgemein heißt es, die Lebenserwartung von Hornraben liegt in Freiheit bei rund 25 bis 30 Jahren, in menschlicher Obhut bei bis zu 40 Jahren.

Hornrabe mit Maus, 12. Jänner 2010

Herr Hornrabe mit einer Maus für seine Holde, 12. Jänner 2010

Das Pärchen hat in Wien für zahlreichen Nachwuchs gesorgt. Herr Hornrabe versorgt sein inzwischen erblindetes Weibchen mit Mäusen, füttert sie liebevoll und passt auch auf, dass ja niemand seiner Holden zu Nahe kommt. Er ist sogar einmal auf die Glasscheibe los gegangen, weil er meinte, ich wäre schon zu lange bei seinem Weibchen gestanden. Video aufgenommen am 11. Februar 2011:

Japanische Seraus

Die beiden Japanischen Seraus (Naemorhedus crispus) findet man gegenüber vom oberen Ausgang des Regenwaldhauses. Sie teilen ihr Reich mit den Mandschuren-Kranichen. Oft muss man ziemlich genau schauen, bis man sie entdeckt. Beide haben keinen offiziellen Namen, von ihren Betreuern werden sie Burli und Mädi genannt.

Japanische Serau, 1. März 2011

Burli und Mädi - Japanische Serau, 1. März 2011

Burli ist ein waschechter Japaner, er wurde am 3. Mai 1990 im Omachi Zoo, Nagano, geboren und kam am 1. Juni 1993 nach Wien. Er hat schon für etliche Jungtiere gesorgt, unter anderem auch für die Europäische Erstnachzucht im Jahr 1994 in Wien. Mit seinen 22 Jahren ist er bei einer Lebenserwartung von rund zehn Jahren in Freiheit und 15-20 Jahren in menschlicher Obhut schon ein sehr betagter alter Herr. Hin und wieder sieht man ihm schon an, dass die Gelenke beim Gehen nicht mehr so wollen, wie früher. Mädi, eine Berlinerin, geboren am 30. Juni 1997, wohnt seit dem 2. März 1999 in Wien. Auch sie hat gemeinsam mit Burli schon mehrfach Nachkommen aufgezogen, zuletzt brachte sie  im Mai 2007 ein Serau-Baby zur Welt. Das männliche Jungtier wohnt seit März 2008 im Zoo Parc Overloon in den Niederlanden. Burli und Mädi, Video aufgenommen im September 2010:

Anmerkung: Das ESB (European Studbook, Europäisches Zuchtbuch) für die Japanischen Seraus wird von Dipl.-Biol. Simone Haderthauer im Tiergarten Schönbrunn geführt.

Orang-Utan Mota

Orang-Utan Mota gehört mit ihren 48 Jahren zu den ältesten Tieren im Tiergarten Schönbrunn. Sie wohnt gemeinsam mit Vladimir, Nonja und Sol in der ORANG.erie.

Mota, 7. Juni 2011

Mota, 7. Juni 2011

Orang-Utan-Weibchen Mota, Zuchtbuch-Nr. 1611, wurde vermutlich im Jahr 1964 in freier Wildbahn geboren. Sie wurde 1968 gefangen und verbrachte ihre ersten Jahre in menschlicher Obhut gemeinsam mit dem Oran-Utan-Weibchen Tebang (2000 verstorben) und den Männchen Kajan (seit 1982 im Zoo Berlin) und Likoe (1987 verstorben) im Privathaus eines ehemaligen niederländischen Soldaten in Den Haag. Drs. Campen, ein exzentrischer Idealist mit dem Vorhaben, aus der Gefangenschaft befreite Primaten auf einer speziell adaptierten Mittelmeerinsel frei zu lassen, lebte für die vier Orangs, die quasi sein gesamtes Haus bewohnten, und bei ihm absolute Narrenfreiheit genossen. Der enge Kontakt zu den Tieren hatte auch zur Folge, dass sich die Orangs mehr als Mensch statt als Orang verhielten. Eine Gesetzesänderung am 8. Januar 1975 verbot die Haltung von Orang-Utans in privater Hand in den Niederlanden. So mußte Campen im Dezember 1977 Abschied von seinen geliebten Tieren nehmen, die in das Wassenaar Wildlife Breeding Center übersiedelten.

Mota lebte vom 7. Dezember 1977 bis 16. September 1979 in Wassenaar und dann bis 7. Oktober 2009 im Artis Zoo in Amsterdam. Am 8. Oktober 2009 übersiedelte sie nach Wien. Die Orang-Utan-Dame ist zurückgezogen und ängstlich, meist sieht man sie in Wien in der oberen Ebene bei ihrer “Drehwurm”-Beschäftigung. Sind die anderen Orangs in der Außenanlage, kommt sie aber auch runter und beobachtet genau die Besucher. Mota hatte ihr ganzes Leben kein Medical Training, kannte auch keine Kommandos als sie nach Wien kam und hatte auch wenig Kontakt zu Pflegern. In Artis mußte sie von ihrer großen Tochter Kedua getrennt gehalten werden, da es zu heftigen Kämpfen zwischen den beiden gekommen ist, ihre jüngste Tochter Surya wurde vorwiegend von Kedua aufgezogen.

Mota sucht auch im Kanister nach Futter, 12. Jänner 2010

Mota sucht im Kanister nach Futter, 12. Jänner 2010

In Wien bekommt sie regelmäßig Training, sie ist jetzt auch schon zutraulicher. Zu den anderen Orangs gibt es aber wenig Kontakt.  Eine zeitlang haben die Orangs die Nähe und Anwesenheit der anderen akzeptiert, doch in den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu argen „Differenzen“ zwischen Nonja, auch schon 36 Jahre alt und  Chefin in der Orang-Gruppe, und Mota. Die Damen können nicht gemeinsam gehalten werden. Aber Mota scheint sich alleine recht wohl zu fühlen, Video aufgenommen am 7. Juni 2011:

Orang-Utan-Dame Mota war mehrmals trächtig, vier Babys überlebten:

  • Tochter Surya, geb. am 31 Oct 2002 in Amsterdam, seit Oktober 2009 in Madrid, Vater: Mawa
  • Sohn Rabu, geb. am 29. November 1989 in Amsterdam, seit 16 May 1997 in St. Petersburg, Vater: Vladimir
  • Tochter Kedua, geb. am 24. November 1982 in Amsterdam, seit Oktober 2009 in Madrid, Vater: Dato
  • Tochter Rawit, geb. am 3. Juli 1980 in Amsterdam, seit 10. November 1981 im Zoo Berlin, Vater: Dato

Anmerkung: Mota ist durch ihre Lebensgeschichte und ihren Fingerabdruck quasi dafür verantwortlich, dass es seit einigen Jahren möglich ist, Orangs, die aus dem illegalen Handel gerettet werden, zu identifizieren …

Im Jahr 1974 wurde Januar Geerdink auf die Orangs, die von einem alten Soldaten in Den Haag gehalten wurden, aufmerksam. Geerdink, Assistent in der Kriminaltechnischen Abteilung für Daktyloskopie (= Identifizierung von Personen anhand von Fingerabdrücken)   vom niederländischen Criminal Information Service, interessierte sich für den Vergleich von Fingerabdrücken von Menschen und Primaten. So besuchte Geerdink 1974 Campen und seine Orangs in Den Haag und nahm Fingerabdrücke von den Tieren, auch von Mota. Die Fingerabdrücke verwahrte er fein säuberlich in einer Mappe.

Fast drei Jahrzehnte später las Geerdink zufällig in der Zeitung einen Artikel über ein Orang-Utan-Baby im Artis Zoo. Die Mutter des Babys war Mota! Geerdink konnte zuerst gar nicht glauben, dass es jene Mota sein könnte, bei der er vor fast 30 Jahren die Fingerabdrücke genommen hatte. Der Besuch im Artis Zoo im Jahr 2003 und die neuerliche Abnahme der Fingeabdrücke sollten Klarheit bringen. Obwohl Mota nicht trainiert war und das Baby sie auch immer wieder ablenkte, schien sie sofort zu verstehen, was ihr Pfleger von ihr wollte. Der Pfleger zeigte es ihr vor und Mota drückte ihre Finger der Reihe nach auf das Stempelkissen und danach auf das Papier.

Schon der erste Blick zeigte, dass die Fingerabdrücke überein stimmten, es war ein und dieselbe Mota aus dem Jahr 1974. Später verglich Geerdink die alten und die neuen Fingerabdrücke Motas, deren Finger in den Jahren gewachsen sind, mit Hilfe des Havank Computers (benannt nach den berühmten Detektiv Büchern, dort sind die Fingerabdrücke von Kriminellen,  illegalen Einwanderern und Asylsuchenden in den Niederlanden gespeichert). Die Linien paßten, hatten sich lediglich etwas auseinander geschoben.

Kurze Zeit später sah Geerwink eine Fernsehsendung über die BOS (Borneo Orangutan Survival Foundation) in Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo, eine vom Niederländer Willie Smits geführte Stifung, die das derzeit größte Primatenschutzprojekt weltweit leitet. Über die Vermittlung Seiner Königlichen Hoheit Prinz Bernhard der Niederlande wurde der Kontakt zu Willie Smits hergestellt, der von der Geschichte von Mota und der Idee, die Fingerabdrücke der Orangs in einer Datenbank zu speichern, sehr angetan war. Am 7. Oktober 2003 wurde ein Abkommen von Willie Smits und dem Chef der National Criminal Information Service, Sjoerd Bloemsma, unterzeichnet. Seither beherbergt der Havank Computer auch die Fingerabdrücke der Borneo Orang-Utans und hilft bei der Identifizierung der Tiere, die aus dem illegalen Handel gerettet werden. So war es schon in etlichen Fällen möglich, die Herkunft der Tiere festzustellen.

Auch der Tiergarten und der Verein der Freunde des Tiergarten Schönbrunn unterstützen ein –> Orang-Utan Artenschutzprojekt in Borneo.

(Fotos & Videos: Jola Belik)

2 Kommentare zu „Wien: Tier-Senioren (Teil I)“

  1. Sonja, Wien sagt:

    Das ist aber eine nette Idee! Ich wusste gar nicht, dass die Hornraben und die Seraus schon so betagt sind. Irgendwie nehme ich es als so selbstverständlich, dass sie immer da sind und vergesse die Zeit dabei.
    Die süßen Hutiacongas sind ja leider seit einer Weile schon auch nur mehr zu zweit. Tja, sterben müssen wir alle einmal, aber es ist schön, wenn sie alt werden können und nicht unnötig leiden müssen, wenn es „soweit“ ist.
    Bin schon auf die nächsten Berichte gespannt!

  2. jola sagt:

    Ja, die Hutiacongas sind leider nur mehr zu zweit. Die beiden alten Herren haben auch schon einige Jährchen auf dem Buckel. Sie sind u.a. Thema in Teil II von den Tier-Senioren …

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